Dienstag, 22. Oktober 2013

Mit dem Rücken zur Wand - Oberbayerische Kaugummiautomatenkultur


Sie gehören zum Dorf- und- Stadtbild wie Bushaltestellen, Stromkästen und Maibäume. Meist unbemerkt, säumen sie unseren Weg: die Kaugummiautomaten. An Neubauten sucht man die bunten Freudenspender vergebens. Aus den einst im Stadtviertel oder der Siedlung stark frequentierten Anlaufstellen aufgeregter Kinder, sind Relikte geworden. In den letzten Jahren habe ich weit über 100 Automaten fotografiert. Der Streifzug durch das München und seine oberbayerische Umgebung zeigt das heutige Dasein der stummen Zeitzeugen. Ein oft sehr trauriges Dasein.



Kinderglück Mitte der achtziger Jahre, als die Geschäfte noch um 18 Uhr schlossen, drei Fernsehprogramme zur Auswahl standen und das Kassettenband noch mit einem Bleistift zurückgedreht wurde: mit dem ersparten Kleingeld um die Ecke zum nächsten Kaugummiautomaten flitzen. Zwei oder drei Sichtfenster der meist in Rot oder Gelb gehaltenen, eckigen Metallgehäuse erlaubten den Blick auf das ersehnte leckere Süß. Wie aufregend es war, ein Zehnpfennigstück in den Schlitz zu werfen und den schwarzen Knauf zu drehen. Zum satten Geräusch der Mechanik, bangte ich um die richtige Farbe des Kaugummis. Kaum war die Kugel in den Auswurfschacht gekullert, galt es, sie mit Vorsicht und Geschick zu entnehmen. Ein vollendeter Moment, sobald ich eine der harten, bunten Kaukugeln in der Hand hielt und mir für ein zu kurzes, aber intensives Geschmackserlebnis genüsslich in den Mund schob. Nicht selten leistete ich mir gar die Überraschung eines Kleinstspielzeugs, eines Anhängers, Flummis, Würfels oder Plastikrings.




Eingeführt vor mehr als sechzig Jahren, sind die Automaten im Laufe der Jahrzehnte mit den alternden Wänden von Kiosken, Wirtshäusern, Gartenzäunen oder Wohnhäusern verschmolzen. Ihr Zuhause entbehrt selten nostalgischer Ästhetik. Heutzutage sind Anzahl und Gebrauch von Kaugummiautomaten rückläufig. Sie gelten als unhygienisch und erliegen meist den Sanierungsmaßnahmen ihrer Zuhause. Was zurückbleibt ist ein verrostetes Metallskelett oder ein schmutziger Schatten an der Wand.



KAUGUMMIAUTOMATEN-DIALOG

Wirt: „Was machen Sie denn da?“

Ich: „Ich fotografiere den Kaugummiautomaten.“

Wirt: „Ach, des hässliche Ding da…des bringt ma gar nichts, außer, dass es halt da hängt und hässlich ist. Lang hängt des nimma da, des Klump!“ 

Ich: „ Das wäre aber schade. Wie lange hängt er denn schon da?“

Wirt: „Des Wirtshaus gibt´s scho seit 100 Jahr´. Seit i do bin, is der a scho da. Irgendwie hoit scho immer… ...ach…der bleibt scho. Gehört hoit irgendwie dazua zum Haus.“

Ich: „Quasi wie eine Warze an der Hauswand. Nicht sonderlich hübsch und auch nicht wirklich nützlich, aber irgendwie wäre es ohne auch komisch nach all den Jahren.“

Wirt: „Ja…ganz genau so isses!“




Für mich werden die Kaugummiautomaten immer etwas Besonderes sein. Selbst wenn sie in einigen Jahren ganz verschwunden sein werden, so werde ich mich ein Leben lang mit einem Lächeln an die roten Freunde erinnern.

Pia

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